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Arbeitskreis Strassenkinder in Rumänien e.V.
Straßenkinder
in Brasov
Brasov,
zweitwichtigstes Industriezentrum Rumäniens, zwischen dem 13.
Jahrhundert
und 1920 der deutschen Einwanderer wegen Kronstadt genannt, liegt
inmitten
einer idyllischen Landschaft am Rande der Südkarpaten. Aber nicht
nur der Name dieses mit Naturschönheit verwöhnten
Landstrichs,
Transilvania oder auf deutsch Siebenbürgen, erinnert an die Zeiten
des mittelalterlichen Fürsten Vlad Tepes, gemeinhin Dracula
genannt,
auch die sozialen Zustände im heutigen Brasov verweisen auf
vormoderne
Zeiten.
Unter der diktatorischen Herrschaft
Ceausescus
(1974-1989), die sich vor allem auf die mit terroristischen Methoden
arbeitende
Geheimpolizei Securitate stützte, entwickelte sich Rumänien
zu
einem der rückschrittlichsten Länder Europas. Die
wirtschaftlich
desolate Lage führte vor allem in den 80er Jahren zu einer
extremen
Lebensmittel- und Energieknappheit.
Auch heute noch, zehn Jahre nach der
Einführung
marktwirtschaftlicher Prinzipien, ist ein sehr geringer Lebensstandard
in Rumänien festzustellen. Das soziale Sicherungsnetz ist
weitmaschig,
die sozialstaatlichen Leistungen sind völlig unzureichend. Alte
Menschen,
Behinderte und Waisenkinder bzw. Kinder, die vor der Gewalt und dem
Alkoholismus
ihrer Eltern von zu Hause weglaufen, sind die Leidtragenden.
Beispiel Pana, 17 Jahre: Er entdeckte
seinen
Vater auf dem Dachboden, mit einer Schlinge um den Hals und an einem
Balken
hängend. Pana war damals gerade 13 Jahre alt. Einige Zeit
später
musste er mit ansehen, wie seine Mutter, die mit Prostitution ihr Geld
verdiente, von ihrem Freier aus dem geschlossenen Fenster geworfen
wurde.
Sie überlebte ihre Verletzungen nicht. Seitdem lebt Pana auf der
Straße.
Pana ist kein Einzelfall. Es gibt viele
Straßenkinder in Rumänien. Schätzungen liegen zwischen
1.000 und 30.000, so genau weiß das niemand. Die Bevölkerung
reagiert mit Ablehnung und Diskriminierung auf die Kinder. Bezeichnend
ist, dass das Wort „Straßenkinder“ in der
Umgangssprache gleichbedeutend
ist mit „Ratten“ oder „Abschaum“.
In
Brasov leben 20 bis 30 Kinder ab einem Alter von acht Jahren
ständig
am Bahnhof. Pana ist einer der Ältesten. Die Älteren unter
diesen
Bahnhofskindern leben in einer totalen Hoffnungslosigkeit und ohne jede
Perspektive. Das Gesetz in Rumänien verlangt die Absolvierung von
mindestens acht Schuljahren vor dem Beginn einer Berufsausbildung. Ohne
Schulbildung besteht nicht einmal die Möglichkeit, als ungelernter
Hilfsarbeiter eine Anstellung zu finden.
Abgesehen davon, dass Pana zu alt ist,
um nochmals in die erste oder zweite Klasse zu gehen, gibt es ein
weiteres
Problem hinsichtlich eines Schulbesuchs: Viele der am Bahnhof lebenden
Kinder haben keine Papiere, sind nirgendwo registriert und damit
für
den Staat nicht existent. Infolge dessen dürfen die Kinder
größtenteils
eine Schule nicht besuchen, denn jemand, den es nicht gibt, hat kein
Recht
auf Bildung.
Die Älteren unter den
Straßenkindern
vegetieren am Bahnhof erbärmlich vor sich hin. Sie flüchten
sich
in die Scheinwelt der Drogen. Dafür kaufen sie sich billige Lacke
oder Klebstoffe und schnüffeln die Ausdünstungen dieser
chemischen
Produkte. Die gesundheitsschädigenden Auswirkungen dieser Art des
Drogenkonsums insbesondere auf das Gehirn sind hinlänglich
bekannt.
Härtere Drogen wie Kokain und Heroin gibt es am Bahnhof (bisher
noch)
nicht, wodurch das Problem der Beschaffungskriminalität weitgehend
entfällt. Die Jugendlichen, die schnüffeln, werden von der
Polizei
im Bahnhofsgebäude nicht geduldet und sind deshalb gezwungen, im
Freien
zu übernachten. Im Sommer schlafen sie in den Büschen vor dem
Bahnhofsgebäude, im Winter auf Warmwasserrohren in der
Kanalisation,
wo sich im matschigen Schlick Ratten und Ungeziefer tummeln.
Die paar Pfennige für Zigaretten
und
Klebstoff „verdienen“ sich die Älteren, indem sie sich
sexuell missbrauchen
lassen. Einer der Jungen beispielsweise bekam eine Schachtel Zigaretten
dafür, dass er drei Männer mit dem Mund befriedigte.
Es leben auch einige Mädchen im
Alter
von 15 bis 20 Jahren am Bahnhof. Sie beschaffen sich Geld, indem sie
sich
prostituieren.
Anders
stellt sich die Situation der Acht- bis Vierzehnjährigen dar. Da
sie
keine Drogen konsumieren, dürfen sie in der Wartehalle des
Bahnhofs
übernachten.
Die Jüngeren haben jedoch einen
entscheidenden
Vorteil im Überlebenskampf am Bahnhof: Sie sehen jung und
unverbraucht
aus, nicht so abgerissen wie die Älteren, weshalb sie allgemein
beliebter
sind als letztere. Sie kommen meistens dadurch zu Geld, dass sie in den
internationalen Fernzügen, die in Brasov einen kurzen Aufenthalt
haben,
Zeitungen verkaufen. Dadurch entfällt die Gefahr des Verhungerns.
Allerdings
haben sie, und das gilt für die jüngeren ebenso wie für
die älteren Straßenkinder, andere, gravierende Probleme:
Kleidung
und Schuhe fehlen, ganz besonders im Winter, und die medizinische
Versorgung
entfällt ganz. Viele haben Tuberkulose, alle Kinder werden in
Folge
mangelnder Hygiene von Läusen und Flöhen geplagt und leiden
an
Fußpilz. Oftmals ist der Fuß fast bis zur Verse mit Pilz
bedeckt.
Vor allem die Älteren klagen über Geschlechtskrankheiten wie
Syphilis und laufen ständig Gefahr, sich mit Aids oder Hepatitis
zu
infizieren.
Die meisten der Straßenkinder
waren
nie in einem Heim: Aus zerrütteten Familien geflohen oder von den
Eltern ausgesetzt und verstoßen, landen sie direkt auf der
Straße.
Niemand kümmert sich um sie, es gibt kaum staatliche Stelle, die
sich
zuständig fühlt. Sie sind dazu verurteilt, auf der
Straße
um ihr Überleben zu kämpfen. Diesen Kindern fehlt etwas, was
allen Kindern, überall auf der Welt, zukommen sollte:
Aufmerksamkeit
und Liebe und das Recht, wie Kinder aufzuwachsen.
Die
Tatsache, dass im Staat Ceausescus Verhütungsmittel und
Abtreibungen
strengstens verboten waren und das Gebären des Kindes die
Alternative
der Frau zu Gefängnis oder Tod war, ist kaum vorstellbar. Für
viele Strassenkinder trifft der Satz „Genosse Nicolae Ceausescu
ist der
Vater aller Kinder und Genossin Elena Ceausescu ist die Mutter aller
Kinder“
auf makabre Weise zu. Die Diktatur Ceausescus ist untergegangen, aber
einen
rumänischen Staat und die Kinder gibt es noch immer.
Markus Döhring
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